Marche de Pâques

6 avril 2026

Discours de Mandy Abou Shoak (DE)

Liebe Freundinnen und Freunde

Liebe Mitstreiter:innen

Einige Menschen hier wissen, was es bedeutet,

Krieg zu erleben.

Weil sie selbst im Krieg waren.

Weil Eltern davon erzählen.

Oder weil wir Verwandte haben,

die sich jetzt im Krieg befinden.

Wir wissen, was Krieg bedeutet.

Nicht als Schlagzeile.

Nicht als geopolitische Analyse.

Sondern als Zustand.

Ein Zustand, der sich in Körper einschreibt.

Wenn Angst bleibt.

Nicht mehr geht.

Sich festsetzt.

Im Körper.

Im Atem.

Im Blick.

Wenn der Körper reagiert,

noch bevor man versteht,

was passiert.

Wenn Alarm

zum Alltag wird.

Und dann kippt etwas.

Wenn Angst nicht mehr antreibt,

sondern erschöpft.

Wenn aus Angst Trauer wird.Still.

Schwer.

Bleibend.

Wenn sich Zeit nicht mehr nach vorne bewegt,

sondern dichter wird.

Langsamer.

Schwerer.

Wenn Zukunft

keine Richtung mehr hat.

Wenn man leiser wird.

Weniger wird.

Und irgendwann nur noch funktioniert –

wie ein Schatten seiner selbst.

Und genau das ist Krieg.

Und gleichzeitig gibt es heute

immer weniger Menschen,

die das noch aus eigener Erfahrung sagen können.

Die noch wissen,

wie sich Krieg anfühlt,

wenn er nicht mehr aufhört,

sondern Alltag wird.

Ich erinnere mich an eine Aussage aus meiner Familie:

„Am Anfang haben wir gedacht,

wir könnten einfach warten.“

Warten, bis es vorbei ist.

Warten, bis es sich beruhigt.

Aber Krieg beruhigt sich nicht.

Er frisst sich in alles hinein.Er beginnt damit,

dass einige gehen –

und andere gehen müssen.

Und zurück bleibt eine Gesellschaft,

die nur noch halb funktioniert.

Frauen,

die alles tragen.

Kinder,

die lernen, sich anzupassen.

Gemeinschaften,

die gleichzeitig zerbrechen

und zusammenhalten müssen.

Und dann verändert sich etwas Grundlegendes:

Menschen planen nicht mehr.

Sie rechnen nicht mehr mit Zukunft.

Sie leben im Modus des Überlebens.

Krieg zerstört nicht nur Leben.

Krieg zerstört Zeit.

Und deshalb frage ich heute:

Was ist eigentlich los mit uns?

Warum sprechen wir wieder über Aufrüstung,

als wäre das eine rationale Antwort?

Sie sagen:

Die Sicherheit habe es schwer in der Schweiz.

Sie sagen:

Es fehle der Schweizer Armee

an schwerer Artillerie,

an Maschinengewehren.

Und ich sage:

Was uns fehlt, ist nicht Feuerkraft.

Was uns fehlt, ist politische Klarheit.Die Schweiz wird nicht sicherer,

weil sie mehr Waffen hat.

Sie wird unsicherer,

wenn sie beginnt,

in einer Logik mitzuspielen,

die sie weder kontrollieren noch gewinnen kann.

Denn machen wir es konkret:

Mehr Aufrüstung bedeutet:

weniger Investitionen in Prävention.

weniger Mittel für soziale Sicherheit.

weniger Ressourcen für genau die Arbeit,

die Gewalt verhindert, bevor sie entsteht.

Das ist kein Nebeneffekt.

Das ist ein politischer Entscheid.

Und genau hier müssen wir klar sein:

Die Schweiz steht nicht am Rand dieser Entwicklung.

Sie entscheidet mit.

Mit jedem Budgetentscheid.

Mit jedem Rüstungsgeschäft.

Mit jeder politischen Priorität.

Und deshalb sage ich auch klar:

Ich entscheide mich dagegen.

Gegen eine Politik,

die Sicherheit mit Waffen verwechselt.

Gegen eine Logik,

die Konflikte eskaliert,

statt sie zu lösen.

Denn seien wir ehrlich:Wer heute ernsthaft glaubt,

dass mehr Waffen Sicherheit schaffen,

ignoriert,

was wir längst wissen.

Ignoriert,

wer die Kosten trägt.

Und ignoriert,

dass diese Logik uns immer wieder

an denselben Punkt führt.

Die Schweiz hat eine andere Rolle.

Nicht die der militärischen Stärke.

Sondern die der politischen Verlässlichkeit.

Eine Schweiz,

die Friedensförderung stärkt.

die zivile Konfliktbearbeitung ausbaut.

die internationale Zusammenarbeit ernst nimmt.

die ihre demokratische Kultur schützt –

statt Angst zu bewirtschaften.

Ich bin überzeugt:

Nur Frieden schafft echte Sicherheit.

Aber Frieden ist nicht einfach die Abwesenheit von

Krieg.

Frieden ist Arbeit.

Frieden ist Struktur.

Frieden ist Politik.

Friedenspolitik bedeutet:

Konflikte so zu bearbeiten,

dass sie nicht zerstören,

sondern tragfähig werden.

Und das beginnt hier.In unseren Städten.

In unseren Quartieren.

In unseren Institutionen.

Und genau deshalb reicht es nicht,

gegen Krieg zu sein.

Wir müssen verstehen,

was es bedeutet,

Frieden zu wollen.

Bertha von Suttner hat Ende des 19. Jahrhunderts

mit „Die Waffen nieder!“

eine klare politische Forderung formuliert:

Die Logik der Aufrüstung zu durchbrechen,

bevor sie zur Katastrophe wird.

Und Hannah Arendt hat es zugespitzt:

„Macht und Gewalt sind Gegensätze;

wo die eine absolut herrscht,

ist die andere nicht vorhanden.“

Das heisst:

Wo wir auf Gewalt setzen,

haben wir politisch bereits verloren.

Wo wir aufrüsten,

ersetzen wir Gestaltung durch Eskalation.

Frieden entsteht nicht von allein.

Er entsteht dort,

wo wir Verantwortung übernehmen

für die Bedingungen,

unter denen Gewalt entsteht.

Und genau hier entscheidet sich Friedenspolitik:In einer Zeit wachsender Konflikte und Verunsicherung

entscheidet sich Friedensarbeit nicht in grossen Worten,

sondern in der konkreten Fähigkeit,

Konflikte zu klären,

Eskalation zu führen

und Verantwortung zu übernehmen.

Eskalation lässt sich nicht immer vermeiden.

Aber sie lässt sich führen.

So, dass Schaden begrenzt bleibt.

So, dass Beziehungen nicht zerstört werden.

So, dass das Gemeinsame im Blick bleibt.

Denn wir wissen auch,

wer die Kosten von Krieg trägt:

Es sind die Frauen,

die bleiben.

Die organisieren,

die tragen,

die zusammenhalten.

Es sind die Kinder,

die lernen,

dass Angst normal ist.

Es sind die Männer,

die gehen.

Die geschickt werden.

Die sterben.

Und es sind ganze Gesellschaften,

die sich verändern.

Vertrauen verschwindet.

Zukunft schrumpft.

Beziehungen zerbrechen.

Und während diese Kosten getragen werden,

gibt es auch Profite.Profite für Industrien,

die von Unsicherheit leben.

Profite für politische Systeme,

die sich über Angst stabilisieren.

Krieg funktioniert,

weil Kosten und Gewinne getrennt sind.

Und deshalb müssen wir auch hier klar werden:

Wer heute Aufrüstung fordert,

muss sagen,

wer morgen den Preis bezahlt.

Und deshalb ist die eigentliche Frage heute nicht:

Wie viel sollen wir aufrüsten?

Die eigentliche Frage ist:

Warum akzeptieren wir überhaupt wieder

eine Logik,

von der wir wissen,

dass sie zerstört?

Und wir?

Wir stehen heute an einem Punkt,

an dem wir entscheiden müssen.

Nicht irgendwann.

Nicht später.

Jetzt.

Wir sind viele.

Viele, die wissen,

was Krieg bedeutet.

Viele, die nicht bereit sind,

diese Logik zu akzeptieren.Viele, die verstanden haben,

dass Frieden nicht von alleine entsteht.

Und deshalb ist unser Auftrag klar:

Frieden organisieren.

Konflikte führen, ohne Menschen zu zerstören.

Institutionen bauen, die tragen.

Und Verantwortung übernehmen.

Wir wissen, was Krieg ist.

Und wir wissen,

dass er nicht einfach passiert.

Er wird entschieden.

Und wir lassen nicht zu,

dass er wieder zur Normalität wird.

Nicht heute

Nicht morgen

Niemals